Erklärung des Freundeskreises Julius–Riemer–Sammlung e.V. zu fortgesetzten ehrverletzenden Äußerungen von Herrn Mathias Tietke über Julius Riemer
Der Freundeskreis Julius–Riemer–Sammlung e. V. sieht sich aufgrund der Tatsache, dass der selbsternannte Fachjournalist Mathias Tietke in den Postings seiner Facebook-Seite „Wittenberg. Die 99 besonderen Seiten der Stadt“ wiederholt und andauernd verleumderische Behauptungen über die Person des Sammlers und Museumsgründers Julius Riemer und seiner Sammlung verbreitet, zu einer Richtigstellung veranlasst.
Herr Tietke behauptet in seinem Posting vom 27.01.2026: „[E]r [Otto Kleinschmidt] lud den Berliner Lederhandschuhfabrikanten und SS-Mitarbeiter Julius Riemer ins Wittenberger Schloss ein, wo er bis zu seinem Tod auf Kosten der Stadt lebte. […] Für die Nazi-Trophäen vom SS-Mitarbeiter Julius Riemer hat die Stadt 2018 eine ganze Etage mit 500 Quadratmetern Ausstellungsfläche im Stadtmuseum zur Verfügung gestellt.“ Die Behauptung, Julius Riemer sei „SS-Mitarbeiter“ gewesen (am 16.02.2026 wiederholt), ist entschieden zurückzuweisen. Mehrere wissenschaftliche Studien und Provenienzforschungen (Gutachten von Enrico Heitzer 2012 und Facts & Files 2022), die von mehreren unabhängigen Fachleuten durchgeführt wurden, haben keinerlei Hinweise auf eine Mitgliedschaft Riemers in der SS oder in einer anderen nationalsozialistischen Organisation ergeben. Die Gutachten sind öffentlich zugänglich gemacht worden, letztere sogar frei zugänglich im Internet.
Den Provenienzforschern war selbstverständlich bekannt, dass Heinrich Himmler im Zuge der Gleichschaltung verschiedene bürgerliche Vereine in das sogenannte Ahnenerbe eingliederte, welches dann in die SS integriert wurde. Davon war auch der Hauptverband Deutscher Höhlenforscher betroffen, deren Vorsitzender Julius Riemer zeitweilig war. Diese organisatorische Vereinnahmung erfolgte jedoch unabhängig vom persönlichen Willen oder einer ideologischen Nähe der betroffenen Vereinsmitglieder. Aus der administrativen Unterstellung eines Vereins unter das Ahnenerbe lässt sich keinerlei persönliche SS-Zugehörigkeit Riemers ableiten.
Ein anderes Beispiel hierfür ist die „Internationale Gesellschaft zur Erhaltung des Wisents“, der Riemer seit der Weimarer Republik federführend angehörte und die zwangsweise, unter Gleichschaltung, durch Hermann Göring in die von ihm gegründete „Deutsche Fachschaft der Wisentzüchter und Heger“ überführt wurde.
Im Gegenteil dazu haben wissenschaftliche Recherchen seit Langem Hinweise ergeben, die ein deutlich anderes Bild zeichnen, hier nur zwei Beispiele von vielen aus den von Enrico Heitzer und Facts & Files entdeckten Akten im Bundesarchiv (DS (ehem. BDC) G 132 (unpag.)): So schreibt Julius Riemer 1938 an den Höhlenforscher Benno Wolf, der später wegen seiner jüdischen Herkunft nach Theresienstadt verschleppt wurde und dort umkam, in einem von der Gestapo abgefangenen Brief:
„Da durch Gesetz sogenannte fremdartige Menschen, die enormes für die Wissenschaft geleistet haben, weder das Museum betreten, noch an irgendwelchen Vorträgen teilnehmen dürften, so habe ich keine Lust, mich in irgendeiner Weise [im Höhlenforscherverband] zu betätigen.“
Der glühende Nationalsozialist Gauleiter Emil Stürtz schreibt 1941 über Riemer an die Geschäftsleitung des Reichsbundes für Karst- und Höhlenforschung:
„Mir ist bezüglich des Volksgenossen Julius Riemer mitgeteilt worden, dass er vor der Machtübernahme Demokrat war und bis heute bezüglich seiner politischen Haltung zu erheblichen Beanstandungen Anlass gibt bezw. der nationalsozialistischen Gedankenwelt völlig fremd und interesselos gegenübersteht.“
Abschließend möchten wir einen Zeitzeugen sprechen lassen: Der Zoologe Hermann Pohle, der selbst wegen seiner jüdischen Herkunft aus dem Museumsdienst entfernt wurde, schreibt 1958 einen Nachruf über Julius Riemer:
„Den Nationalsozialismus haßte er von ganzem Herzen. Als dem jüdischen Oscar Neumann das Betreten des Zoologischen Museums (in dem er 40 Jahre als freiwilliger Hilfsarbeiter und Donator gearbeitet hatte) verboten wurde, da nahm Riemer ihn in seinem Hause auf, schuf ihm dort einen Arbeitsplatz, versorgte ihn mit Literatur und Material und sorgte dann dafür, daß er mit der letzten Transportmöglichkeit über Spanien nach Amerika entkam. Auch das sollte ihm nie vergessen werden.“
(Hermann Pohle: Julius Riemer †. In: Säugetierkundliche Mitteilungen. Band 7, 1959, S. 75–76: 76)
Entgegen diesen Befunden wurde Riemer von Herrn Tietke vielfach und anhaltend öffentlich als „Nazifreund“ oder Vertrauter Görings (dessen „Jagdkumpel“ usw.) bezeichnet. Es gibt keinen Beleg, dass Julius Riemer jemals Heinrich Himmler oder Hermann Göring persönlich getroffen hat. Diese Darstellungen sind in keiner Weise durch irgendwelche wissenschaftlichen Befunde gedeckt. Darüber hinaus verunglimpfte Herr Tietke die im Wittenberger Museum der Städtischen Sammlung bestehende Dauerausstellung „Riemers Welt“ als „Carinhall“ und „Carinhall II“ und die dortigen ethnologischen und naturwissenschaftlichen Sammlungsobjekte als „Nazi-Trophäen“. Diese Bezeichnungen sind als reine, bewusst verächtlichmachende Polemik zu bewerten, die jeder sachlichen Grundlage entbehrt. Herr Tietke beschränkt sich bei seinen Ausfällen nicht auf Julius Riemer oder das Museum im Zeughaus, sondern schließt grundsätzlich die ganze Stadt in seine Angriffe ein. In der „taz“ vom 30.09.2021 wird er zitiert: „Sachlichkeit in Wittenberg bedeutet, dem Nationalsozialismus positive Seiten abzugewinnen oder sich einer Bewertung zu enthalten.“ Diese ungerechtfertigten, böswilligen und herabwürdigenden Beschuldigungen sind geeignet, das Andenken Julius Riemers sowie die Arbeit des Museums erheblich zu beschädigen. Wir weisen hiermit alle in diesem Zusammenhang von Herrn Mathias Tietke getätigten Beschuldigungen entschieden zurück und erwarten, dass sie nicht wiederholt werden.
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